Ein Team entsteht: Dietrich über Flag Football und unsere U16-Spielgemeinschaft


Danke lieber Dietrich, dass du dich für ein kurzes Interview zur Verfügung stellst. Gerne würde ich mich mit dir über ein aktuell in Deutschland sehr angesagtes Thema unterhalten, den ‚Flag Football‘ und unser gemeinsames Team.

Dietrich:
Ich lebe mit meiner Familie (Frau, zwei Söhne, zwei Hunde) in der Eifel und bin beruflich Jurist. Nach vielen Jahren als Strafverteidiger arbeite ich inzwischen in der öffentlichen Verwaltung. Daneben bin ich auch als Dozent an einer Fachhochschule tätig. 

Ansonsten bin ich Familienvater und jemand, der offenbar große Schwierigkeiten damit hat, bei neuen Football-Projekten „Nein“ zu sagen, weshalb ich neben meiner Schul- und meinen Vereinsmannschaften nun auch noch im Verband als Trainer tätig bin.


Dietrich:
Zum Flag Football bin ich wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Ich selber bin Handballer gewesen und habe vor 36 Jahren bedauerlicherweise mein Fanherz an die (damals) Los Angeles Raiders vergeben. So kam das Interesse unseres großen Sohnes am Football beim gemeinsamen Fernsehen auf. Als es dann nach ersten individuellen Schritten für Ihn auf die weiterführende Schule ging, kam bei uns in der Gegend für ihn nur die CFS in Betracht, weil die eine Flag Football AG hatte. Leider standen nach kurzer Zeit die ausgesprochen engagierten Lehrer, die vorher die AG und die Schulmannschaft leiteten, aus den verschiedensten guten Gründen nicht mehr zur Verfügung. Das Weitere mag man sich denken… 

Was mich dann sehr schnell begeistert hat, war die Mischung, die dieser Sport bietet. Flag Football ist unglaublich schnell, taktisch anspruchsvoll und gleichzeitig sehr leicht zugänglich. Man braucht keinen bestimmten Körperbau und auch nicht jahrelange Football-Erfahrung, um anzufangen. Unterschiedliche Spielertypen können ihre jeweiligen Stärken einbringen.

Besonders viel Spaß macht mir die Arbeit mit Jugendlichen. Zu sehen, wie aus einer Gruppe einzelner Kinder/Jugendlicher nach und nach ein Team wird, wie sie sportlich besser werden, Verantwortung übernehmen und füreinander einstehen, ist etwas ganz Besonderes. Und spätestens, wenn man anfängt, abends noch über neue Plays und Defense-Konzepte nachzudenken, weiß man wohl, dass aus einem Hobby eine Leidenschaft geworden ist.


Dietrich:
Eigentlich ist es gar nicht so schwierig. Flag Football hat ganz viel von dem, was American Football faszinierend macht: Pässe, Routen, Spielzüge, Taktik, Touchdowns und das direkte Duell zwischen Offense und Defense.

Der entscheidende Unterschied ist der Körperkontakt. Beim Flag Football trägt jeder Spieler zwei Flags an einem Gürtel. Statt einen Gegenspieler durch ein Tackle zu Boden zu bringen, beendet man den Spielzug, indem man ihm eine Flag zieht. Wir spielen fünf gegen fünf und ohne die schwere Schutzausrüstung des Tackle Footballs.

Dadurch ist Flag Football sehr schnell und dynamisch. Präzises Passspiel, gute Routen, schnelle Richtungswechsel und taktisches Verständnis spielen eine enorme Rolle. Es ist also keineswegs einfach „Football ohne Tackling“, sondern eine eigenständige Sportart. Wenn man diesen Unterschied klar sieht, kann man auch beide Sportarten genießen.  


Dietrich:
Die schönste Dinge werden oft aus der Not geboren. Wir waren in beiden Vereinen mit Spielerabgängen bzw. noch zu geringen Spielerzahlen geschlagen. Dann kamen Sebastian von den Lions und Michael von den Bulldogs in Kontakt. Ich habe dann an einem Traingsabend mit Michael telefoniert und wir kamen sofort gut zurecht. (Wahrscheinlich, weil er aus der Südeifel kommt.) Der entscheidende Umstand war aber, dass in den ersten Trainingseinheiten sofort die Chemie zwischen den Spielerinnen und Spielern stimmte.

Die Idee einer Spielgemeinschaft ergibt aus meiner Sicht für kleine Vereine besonderen Sinn, da wir die Konkurrenzfähigkeit nicht nur quantitativ steigern. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie sich Spielerinnen und Spieler gegenseitig weiterhelfen, weil die eine oder andere Erfahrung vom Tacklespieler oder von der passionierten Flagspielerin den anderen hilft. 

Für die Bulldogs war vieles im Flag Football noch neu, während wir bei den Lions bereits Erfahrungen sammeln konnten. Gleichzeitig haben die Bulldogs Spieler, Trainer, Engagement und natürlich ihre eigene Vereinskultur eingebracht. Daraus sollte eben nicht einfach „Lions plus ein paar Bulldogs“ werden, sondern tatsächlich ein gemeinsames Team. Genau das war für Michael, René und mich von Anfang an wichtig.


Dietrich:
Die Entfernung ist sicherlich eine der größten Herausforderungen. Euskirchen und Pulheim liegen eben nicht direkt nebeneinander. Man kann deshalb nicht einfach dreimal pro Woche gemeinsam trainieren. Vieles muss abgestimmt werden, und beide Vereine trainieren natürlich weiterhin auch vor Ort.

Dazu kamen am Anfang viele praktische Fragen: Wer spielt auf welcher Position? Welche Spielzüge verwenden wir? Wie organisieren wir gemeinsame Trainings? Wie treten wir einheitlich auf? Wie wird für den Spielbetrieb beim Verband gemeldet?

Die Trikots hingegen, die Du ansprichst, waren tatsächlich kein großes Problem, da René, der bei Euch ja ein riesiges Engagement an den Tag legt, das sofort erledigt hat.

Die viel wichtigere Herausforderung war für mich aber, aus Spielern zweier Vereine ein Team zu machen. Die Jugendlichen kannten sich überhaupt nicht. Auf dem Feld muss sich aber beispielsweise ein Quarterback darauf verlassen können, dass sein Receiver die Route genauso versteht wie er – unabhängig davon, welches Vereinslogo er normalerweise auf dem Trikot trägt.

Ich finde, genau das hat das Team erstaunlich schnell geschafft. Mittlerweile ist auf dem Feld nicht entscheidend, wer aus Pulheim und wer aus Euskirchen kommt. Und genau so sollte eine Spielgemeinschaft funktionieren.



Dietrich:
Ich bin Headcoach der U16-Spielgemeinschaft. Damit bin ich im dem Namen nach für die sportliche Gesamtorganisation verantwortlich: Trainingsinhalte, Spielsystem, Aufstellungen, Offense und Defense und natürlich die Betreuung des Teams an den Spieltagen.

Tatsächlich stehe ich im ganz regen Austausch mit Michael, der bei Euch den Flag Foootball verantwortet und mit mir all diese Fragen gemeinsam klärt. Ich habe den Eindruck, dass er hinsichtlich des Nein-Sagens beim Football das gleiche Krankheitsbild wie ich hat.

Am Spieltag teilen wir uns dann die Arbeit etwas auf. Michael kümmert sich mehr um die Aufstellung und Einwechslung, während ich mehr auf das Geschehen auf dem Spielfeld eingehen kann. 


Dietrich:
Definitiv. Und dabei meine ich gar nicht ausschließlich die Ergebnisse.

Natürlich wollen wir Spiele gewinnen. Wer an einem Ligaspielbetrieb teilnimmt, sollte auch den sportlichen Ehrgeiz haben, erfolgreich zu sein. Aber im Jugendbereich darf man Entwicklung nicht nur an Siegen und Niederlagen messen.

Wenn ich mir anschaue, wo wir am Anfang standen und wie die Mannschaft heute zusammenspielt, ist die Entwicklung enorm. Abläufe funktionieren besser, das Team und jede(r) Einzelne verstehen das Spiel immer mehr und sie übernehmen Verantwortung füreinander. Vor allem ist aus zwei Gruppen von Jugendlichen immer mehr ein Team geworden. 

Dass sich diese Entwicklung dann auch in guten Ergebnissen widerspiegelt, freut uns natürlich umso mehr. Für mich ist aber entscheidend, dass wir etwas aufgebaut haben, mit dem beide Vereine weiterarbeiten können.


Dietrich:
Natürlich wünsche ich mir zunächst einmal, dass alle gesund bleiben und wir einen richtig guten Football-Tag erleben.

Sportlich möchte ich, dass wir noch einmal zeigen, was wir uns in den vergangenen Monaten erarbeitet haben. Konzentriert spielen, als Mannschaft auftreten, füreinander kämpfen und unabhängig vom Spielstand nicht aufgeben.

Und selbstverständlich fahren wir nicht zu einem Finalturnier, um nur dabei gewesen zu sein. Wenn wir unser Potenzial abrufen, wollen wir auch sportlich das Bestmögliche herausholen.

Vor allem wünsche ich den Spielerinnen und Spielern aber, dass sie am Ende des Tages vom Feld gehen und sagen können: Das war unser Team, das war unsere Saison und wir haben gemeinsam alles gegeben. Dann können wir unabhängig vom letzten Ergebnis stolz auf diese erste gemeinsame Saison sein.



Dietrich:
Weil Flag Football unglaublich viel von dem vereint, was Mannschaftssport ausmacht.

Du musst schnell sein, mitdenken, mit deinen Mitspielern kommunizieren und ihnen vertrauen. Gleichzeitig gibt es ganz unterschiedliche Aufgaben. Der schnelle Receiver kann genauso wichtig sein wie der Quarterback mit einem guten Auge, der clevere Center oder der Defense-Spieler, der Situationen früh erkennt.

Und man kann sehr schnell einsteigen. Du brauchst keine jahrelange Football-Erfahrung und keinen bestimmten Körperbau. Jungs und Mädchen können gemeinsam spielen und jeder kann seine Stärken einbringen.

Dazu kommt die unglaubliche Dynamik des Spiels. Ein einziger Spielzug kann ein Spiel komplett verändern. Ein langer Pass, eine Interception, ein entscheidender Flag Pull – und plötzlich explodiert die ganze Sideline.

Mein Rat wäre deshalb ganz einfach: Nicht lange erklären lassen. Zu einem Training kommen, Flags umschnallen und ausprobieren. Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich groß, dass man danach wiederkommen möchte.


Dietrich:
Sehr gerne – und danke euch für die Möglichkeit!

Ich möchte die Gelegenheit aber auch nutzen, mich bei allen zu bedanken, die diese Spielgemeinschaft überhaupt möglich gemacht haben: bei den Verantwortlichen und Coaches der Bulldogs und der Lions, bei den Eltern, die Fahrten, Trainings und Turniertage ermöglichen, und natürlich vor allem bei unseren Spielerinnen und Spielern.

Eine Spielgemeinschaft funktioniert nur, wenn beide Seiten bereit sind, aufeinander zuzugehen und tatsächlich etwas Gemeinsames daraus zu machen. Ich glaube, dass uns das in dieser Saison sehr gut gelungen ist.

Und wenn wir uns nach der nächsten Saison wieder unterhalten, hoffe ich natürlich, dass wir dann noch ein paar weitere schöne Geschichten zu erzählen haben.